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Dzemile Fetaji aus Steckborn wird am 1. August als «Alltagsheldin» von Bundespräsidentin Sommaruga geehrt

Dzemile Fetaji aus Steckborn wird am Nationalfeiertag von Bundes­präsidentin Simonetta Sommaruga für ihr besonderes Engagement während des Corona-Lockdowns als «Heldin des Alltags» geehrt.

(jme) Der 41-jährige Dzemile Fetaji aus Steckborn, wird am Nationalfeiertag grosse Ehre zuteil. Zusammen mit 53 weiteren SchweizerInnen wird sie von Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga für ihr besonderes Engagement während des Corona-Lockdowns als «Heldin des Alltags» geehrt. Die Doppelbürgerin aus Nordmazedonien lebt seit ihrer Kindheit in Steckborn. Verbrachte einige Jahre in ihrer Ursprungsheimat, kämpfte zusammen mit ihrem Mann mit einer eigenen Abfüllfabrik für Fruchtsäfte für faire Arbeitsbedingungen und gegen Korruption im eigenen Land, scheiterte, kehrte zurück und gab nie auf. Seit dieser Erfahrung engagiert sie sich zum Thema Integration in der Gesundheitsförderung und Präventionsarbeit mit MigrantInnen bei der «Perspektive Thurgau» sowie als SP-Politikerin auf der kantonalen Politbühne. Beruflich arbeitete sie bis vor kurzem ohne grosses Aufsehen im Detailhandel.

Frau Fetaji, Sie erhielten vor einigen Tagen die Einladung von der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft zur Ehrung Ihres Engagements während des Corona-Lockdowns im Detailhandel und in der Gesundheitsförderung und Präventionsarbeit für die «Perspektive Thurgau». Bundespräsidentin Sommaruga wird Sie am Nationalfeiertag auf der Rütliwiese als «Heldin des Alltags» ehren. Was war Ihre erste Reaktion nach dem Erhalt dieser Nachricht?
Ehrlich gesagt, ich war dem Weinen nahe. Während des Lockdowns hatte ich keine leichte Zeit. Ich arbeitete viel, funktionierte einfach, hatte danach mit gesundheitlichen Einschränkungen zu kämpfen und fühlte mich ausgelaugt. Keiner hatte uns vom Detailhandel einmal offiziell gedankt. Als ich den Brief mit der Nachricht zur Ehrung in den Händen hielt, glaubte ich es kaum. Nach der strengen Zeit eine grosse Befriedigung.

Können Sie uns einen Eindruck von Ihrem Alltag während des Lockdowns geben?
Die Zeit war für mich wie ein Film ohne Ende, ich gab 200 Prozent meiner Kraft; einerseits zu Hause, andererseits bei der Arbeit. Das war ganz schlimm für mich, ich habe nur noch «funktioniert». Mein Arbeitgeber im Detailhandel rief morgens an, dann musste ich nur für wenige Stunden spontan helfen gehen. Wir hatten so viel Wareneingang, den wir kaum noch bewältigen konnten. Meine Familie musste ich dabei vernachlässigen. Bei der Arbeit fühlte ich mich dann oft wie in einer anderen Welt.

Gabs besonders eindrucksvolle Erlebnisse?
Als ich am zweiten Tag nach dem Lockdown den Laden verliess und die Gestelle leer gekauft waren, rührte mich dieses Bild zu Tränen. Die Kunden hatten zum Teil aussergewöhnliche Wünsche, die mich etwas befremdeten. Ich meine, in dieser Zeit, wo es vielen Menschen auf der Welt schlicht ums Überleben ging, auch in der Schweiz, gab es Kunden, die verlangten nach Südseefrüchten oder speziellem Toilettenpapier. Wir sind einfach zu verwöhnt! Die Menschen waren nur noch gestresst, der Arbeitsalltag hektisch. Schönes habe ich in der Arbeit im Detailhandel leider nicht mehr erlebt in der Zeit. Hingegen zu Hause machten mir meine Kinder grosse Freude und ich bin noch heute stolz auf sie, weil sie sich alleine durch das Homeschooling zurechtfinden konnten. Das Verhalten der Menschen und die Weltgesundheitskrise haben mich sehr beschäftigt und manchmal bis in meine Träume verfolgt. Die Arbeit bei der ‹Perspektive Thurgau› in der Gesundheitsförderung und Prävention für MigrantInnen hingegen gab mir viel zurück. Aber auch dort gab es sehr ergreifende Momente, in welchen die Schicksalsschläge der Frauen und deren Familie mitbekommen habe.

Ist diese Ehrung für Sie ein Stück weit eine innere Befriedigung für die harte Zeit?
Ja sehr, ich bin auch dankbar dafür und es gibt mir eine Art Ausgleich.

Warum haben Sie sich eingesetzt?
Irgendwie fühlte ich mich den Menschen in dieser Krise gegenüber verpflichtet.

Gingen Sie über Ihre Kräfte in dem Moment?
Ja eindeutig! Warum genau weiss ich nicht, aber ich wollte mich nicht aus der Verantwortung stehlen und möglichst vielen Menschen helfen.

Sie setzen sich im Kanton Thurgau stark für die Integration von MigrantInnen ein. Letztes Jahr haben Sie auch für den Grossen Rat kandidiert. Einer Ihrer Wahlsprüche war: «...friedliches Miteinander, denn wir lachen alle in der gleichen Sprache...» Was bindet Sie emotional an dieses wichtige Thema?
Nun, ich bin hier in der Schweiz in Steckborn aufgewachsen. Dann lebte ich als Erwachsene auch im Ausland und erfuhr, wie es ist, fremd zu sein in der eigenen Heimat. Als ich dann wieder in die Schweiz zurückkam, half mir meine Familie beim Wiedereinstieg sehr. In unserer Gesellschaft hilft man sich gegenseitig viel zu wenig. Mein Einsatz gilt den Menschen, die ihre Heimat verlassen haben und hierherkommen. Sie sollen sich hier zurechtfinden können, das ist die Grundlage für eine Integration.

Sie leben mit Ihrer Familie zwischen zwei Kulturen. Was geben Sie Ihren Kindern mit?
Mittlerweile kann ich mit den Unterschieden umgehen. Es gibt in beiden Kulturen Vor- und Nachteile. Als ich zwölf Jahre lang in Nordmazedonien lebte, vermisste ich die Schweiz sehr und kehrte regelmässig für Besuche zurück. Die Schweiz ist meine Heimat und ich schätze es sehr, hier zu leben.

Spielt nun diese Ehrung am Nationalfeiertag der Schweiz im Hinblick auf Ihre Herkunft und Ihren Weg eine grosse Rolle?
Diese Ehrung ist für mich sehr wichtig; sie ist etwas Einmaliges. Stellvertretend für alles, was ich gemacht habe. Auch in meiner nordmazedonischen Heimat und bei den Menschen, die von dort weggegangen sind, um hier zu leben, erlebe ich zur Zeit ein wachsendes Interesse an meiner Person und meiner politischen Arbeit für MigrantInnen.

Für wen wollen sie ein Vorbild sein?
Für meine Kinder, für MigrantInnen in der Schweiz und für alle Menschen, die es schätzen nachhaltiger zu leben.

Verraten Sie uns Ihre Pläne für die Zukunft?
Die Schweiz ermöglicht MigrantInnen sich zu entfalten, sich frei zu fühlen und bringt den Menschen viel Toleranz entgegen. Ich möchte mich deshalb weiterhin politisch engagieren, um die Integration von MigrantInnen vorantreiben zu können. Wir sind alle nur Besucher auf dieser Welt, also eine Art Migranten auf Zeit. Sie gehört niemandem. Das sollte man nie vergessen. Nun ist der Moment gekommen, um sich nebst der Familie und der politischen Arbeit auch einmal weiterbilden zu können. Gerne würde ich meine interkulturellen Kompetenzen erweitern und verstärkt als Beraterin arbeiten. Für die Wertschätzung die ich während meiner Arbeit im Präventionsbereich und in der Politik erfahre, dafür bin ich dankbar.

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